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Ausgabe 10/09 - Literaturen - Literatur
Büchermacher
Buchmacher 10.09 Der Kritiker ist immer allein

Deutschland sucht den Top-Rezensenten – und zwar im Internet. Ein Treffen mit dem Amazon-Starkritiker Thorsten Wiedau VON RONALD DÜKER

Wenn es nach Alex Dengler geht, ist er der neue Literaturpapst. Der frühere Möbelkaufmann war bis 2002 «Top-Rezensent» Nr. 1 auf Amazon.de, dann warb ihn «Bild am Sonntag» ab: «Meine Kolumne», so heißt es auf derWebsite des 34-Jährigen, «wurde in den sechs Jahren, in denen ich sieWoche fürWoche mit großer Hingabe und Leidenschaft mit Leben, mit Büchern füllte, Kult. Dazu machten sie die vielen Millionen Leser, die sie Woche für Woche schon innig erwarteten. In diesen sechs Jahren habe ich weit über 2100 Bücher aus allen Genres gelesen und besprochen. So viele wie kein anderer Buchkritiker. Das alles machte mich über die Jahre zum meistgelesenen und erfolgreichsten Buchkritiker Deutschlands.»
Eine Geschichte der Literaturkritik, die von solchen Entwicklungen weiß, steht noch aus. Sie sollte von Friedrich Sieburg, Joachim Kaiser, Fritz J. Raddatz und anderen Größen des Nachkriegsfeuilletons erzählen und von dort zu Marcel Reich-Ranicki übergehen, der die Kritik in den Achtzigern ins Fernsehen übertrug und dort so populärmachte, dass schließlich nur noch durch dieses Medium Bestseller gemacht werden konnten. Ihr dritter und bislang abschließender Teil würde mit der Jahrtausendwende beginnen: Im Internet entstand da ein bislang unbekannter Autorentyp. Die Laienkritiker, die auf Amazon ihr größtes Forum fanden, qualifizierte allein ihr Kundenprofil zum Schreiben. Schnell ging die Menge ihrer Besprechungen in die Millionen; dabei belaufen sich die Honorare stets auf Null.
Was treibt ihn an, den Amazon-Rezensenten? Warum zieht es ihn gerade zum Buch, wo doch das Warensortiment des Versandhauses auch Wagenheber, Johannisbrotkernmehl, Sonnenmilch und Sexspielzeug umfasst und jedes einzelne auch dieser Produkte seiner Kommentierung durch Kunden harrt? Ob Uwe Tellkamps «Der Turm» oder ein Staubsauger von Rowenta rezensiert wird, macht in der Systematik des Portals keinen Unterschied.
Thorsten Wiedau ist momentan der wichtigste deutsche Netz-Kritiker – hinter Werner Fuchs, einem Schweizer, belegt er den zweiten Platz auf Amazons Rangliste der «Top-Rezensenten ». Ob er sich vorstellen könne, für Zeitungen und damit endlich auch einmal für Geld zu schreiben? «Normalerweise hätte man mich längst fragen müssen», sag tWiedau: Auf seinem Konto stehen mittlerweile über 1800 Buchbesprechungen – so viele hatte Alex Dengler nicht, als die «Bild» ihn damals zum Kolumnisten beförderte.

In der Schlangengrube

Wir haben uns in der Hamburger Innenstadt verabredet, zunächst am Rathausmarkt zum Fototermin in der Traditionsbuchhandlung «Marissal ». Von den Büchern einmal abgesehen, stammt hier noch alles aus der alten Zeit: die vom Schreiner eingepassten Schieberegale, in denen sich auf knapp bemessener Fläche möglichst viele Bücher unterbringen lassen, ein schmaler Lesetisch und auch der freundliche Buchhändler, von dem sich ein Kunde gerade die Lektüre für den Sommerurlaub empfehlen lässt. Niemand ahnt, dass mit Wiedau soeben ein mächtiger Konkurrent den Laden betreten hat: Weil immer mehr Käufer anonymen Lesetipps im Netz folgen, kämpfen kleinere Buchhandlungen überall ums Überleben.
Später sitzen wir uns in einem Café gegenüber, das, so erläutert Wiedau, eine Spezialröstung in «traditioneller Bodum-Kanne» serviert. Der Top-Rezensent trägt Cordsakko, Krawatte und eine Anstecknadel mit dem Emblem der Hamburger Elbphilharmonie. Er ist vierzig Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Söhne. Sein Geld verdient er als Exportleiter eines Nahrungsmittelkonzerns.
In diesem Beruf komme man viel herum, und so bleibe nicht nur am Feierabend, sondern auch zwischendurch, im Auto oder Flugzeug, noch Muße für Bücher und Hörbücher.
So umgänglich Wiedau nun im Gespräch ist, scheint auch das erste Zögern vergessen, das unserer Verabredung vorausgegangen war. Ob es in meinem Interesse sei, so hatte er geschrieben, dass es «fair und gerecht» zugehe – sonst sei ihmfür diesen Termin die Zeit zu schade. Fair und gerecht, das heißt in diesem Fall: freundlich – denn freundlich sind nicht bloß seine Buchbesprechungen, freundlich sollen auch die Reaktionen darauf sein. Deshalb steht über der privaten E-Mail-Adresse, die er auf der Amazon- Seite verrät: «Für jedwede Art von Lob und auch positiver Kritik».
Hier spricht ein Leidgeprüfter.Wer so hoch auf der Leiter steht, sagt der Top-Rezensent Nr. 2, ist einem ungeheuren Druck ausgesetzt. Amazon, das ist eine «Schlangengrube», in der «jeder irgendwie nach oben will». Nur wie? Die Spielregeln des Unternehmens sehen vor, dass sich der Rang eines Rezensenten aus drei Parametern errechnet: 1. der Anzahl der von ihm geschriebenen Besprechungen, 2. der Zahl der Kundenreaktionen, die eine jede Besprechung als hilfreich oder nicht hilfreich qualifizieren, 3. dem prozentualen Ergebnis dieses Votums. Thorsten Wiedaus Bilanz vom 23. August: 1801 Rezensionen, 19.089 Bewertungen, 76% davon positiv.

Dave Eggers kommt nicht aus St. Louis
Um sich gegenseitig zu schaden, so beklagt er, der seine erste Amazon-Besprechung vor beinahe sieben Jahren ins Netz gestellt hat, lassen konkurrierende Rezensenten kaum etwas unversucht. Nur noch ärgerlich findet Wiedau mittlerweile «geharnischte E-Mails» an seine Privat- Adresse. Wettbewerbsverzerrend hingegen die zuweilen in verdächtiger Häufung auftretenden schlechten Bewertungen, durch die ein Ranglistenplatz gezielt nach unten gedrückt werden kann. «Wenn eine Rezension um zwei Uhr nachts 400 negative Klicks bekommt», ist es Zeit, sich mit Kollegen kurzzuschließen: «umzu überlegen, was wir dagegen unternehmen können».
Es ist eine eigenartige Welt, in der diese unbezahlten Freunde der Rangliste leben, und je länger Wiedau von ihr erzählt, desto eigenartiger wird sie. Er ist nämlich davon überzeugt, dass Amazon selbst die Reihenfolge der Rezensenten manipuliert. Bei Einhaltung der ausgewiesenen Spielregeln und nachmathematischer Folgerichtigkeit sollte sich doch eigentlich eine ganz andere Reihung ergeben, meint er: «Ich schätze also, die letzte Entscheidung trifft immer noch eine reale Person.» Dies ist der Moment, die mutmaßliche Professionalität eines börsennotierten Weltkonzerns gegen eine womöglich paranoide Privatmeinung abzuwägen – und festzustellen, wie sehr die Ungereimtheiten auf Amazon.de ins Auge springen. Wie kann es etwa sein, dass ein Rezensent mit dem Benutzernamen «Happy-end-buecher» und 1049 Besprechungen auf dem Konto nur den 84. Platz belegt – bei 9622 Bewertungen, die zu 92% positiv sind – und auf Platz 34, 50 Ränge höher, ein «Niclas Grabowski» steht:mit nur 636 Rezensionen und 7431 Bewertungen, davon 78% positiv? Solche Beobachtungen erhöhen auch nicht das generelle Vertrauen in Amazons Listenwesen: Alle möglichen Benutzer dieser Website, darunter Kunden, Leser, Autoren und Verleger, informieren sich hier andauernd über den Verkaufsrang von Büchern – sollten sie den Daten vielleicht besser mit Skepsis begegnen? Von Christine Höger, die am Münchner Firmensitz Amazons den Public-Relations-Bereich verantwortet, ist wenig zu erfahren. Wie viele Kundenrezensenten es heute insgesamt gibt? «Das weiß ich nicht. Dazu gibt es eine Pressemitteilung aus dem Jahr 2002.» Welchen Effekt haben diese Besprechungen auf den Verkauf der Bücher? «Das wird nicht ermittelt.» Werden die Texte der Kundenrezensenten vor der Veröffentlichung noch einmal redaktionell überprüft? «Dazu geben wir keine Auskunft.»
Und – ja: Zur Zusammensetzung der Rezensenten- Rangliste war auch nicht mehr zu erfahren, als dass es schon seine Richtigkeit habe mit den im Internet angegebenen Regeln. Es ist erstaunlich, dass sich diese Firma nicht einmal umden Anschein von Transparenz bemüht. Und das, obwohl es doch im Jahr 2004 auch hierzulande ein Thema war, als durch eine technische Panne des kanadischen Amazon- Portals die wahren Identitäten hinter anonymisierten Kunden-Rezensionen aufflogen. Plötzlich entpuppte sich ein reader from St. Louis als Dave Eggers: Der Schriftsteller hatte das neueste Buch einer engen Freundin als einen der besten Romane des Jahres gefeiert. Umgekehrt bedachten andere Autoren die Werke der schreibenden Konkurrenz mit Verrissen. Und auch in Deutschland, so raunt man in der Branche, gehört das Verfassen euphorischer Kundenrezensionen zum Aufgabenbereich von Verlagspraktikanten. Amazon.de, sagt die Öffentlichkeitsarbeiterin Höger zu solchen Fragen, sei nur daran gelegen, seinen Teilnehmern eine möglichst objektive Plattform zu geben.

Eins zu eins
Thorsten Wiedau, der Privatmann, schätzt die Zahl der Amazon-Rezensenten auf 750.000. Das ist eine ziemlich große Schlangengrube.Warum tut er sich das an? Sind diese unbezahlten Kritiker die letzten Idealisten und wahren Olympioniken der Buchkritik? Wiedaus Antwort auf diese Frage hat zwei Teile. Einen pathetischen – und einen pragmatischen. Der pathetische geht so: Der begeisterte Hobby-Leser, der sich aus Zeitmangel sonst keine Hobbys leistet, tut alles, um «Leser für dieses Medium zu gewinnen», das ihm so sehr am Herzen liegt. Ob es um Reise-, Koch-, Medizin-, Geschichts- und Kinderbücher geht oder um die große Literatur –Wiedau ist für alle Sparten zuständig. Längst vorbei die Zeit, in denen sich sein besonderes Augenmerk auf esoterische Themen wie UFOs, paranormale Phänomene und apokalyptische Prophezeiungen richtete. Seine Besprechungen beschließt dieser Kritiker gewöhnlich mit dem Urteil «empfehlenswert!» oder «sehr empfehlenswert! » – in der Amazon-Grafik entspricht das vier bis fünf Sternen. Wiedau möchte begeistern, also ist er selbst begeistert.
Drei Beispiele: Christoph Ransmayrs Roman «Der fliegende Berg» bespricht er unter der Überschrift «Das Rätsel der Liebe und die Suche danach»: «Ein Buch wie ein Berg, so unnahbar fern und doch wie ein Ziel (…) Dieses Buch ist ungewöhnlich, es wird Aufsehen erregen und dem Leser oder der Leserin eine Gefühlswelt nahe bringen mit aktuellen politischen Versatzstücken, welche einen nicht mehr in Ruhe lassen werden.» Über Bettina Weigunys Unternehmensgeschichte von «C&A» heißt es: «Selten ist ein Konzern so transparent geworden und selbst die Zeit des 3. Reichs wurde aufgearbeitet und dem Leser gezeigt wie der Konzern damals Geld verdient hat. Selbst nach diesen Enthüllungen habe ich immer noch die Absicht bei C&A weiterhin einzukaufen. Es ist ein ehrliches Buch, gut recherchiert, welches erstmals den Konzern etwas transparenter werden läßt und das macht ihn liebenswerter. Für mich ist C&A somit um so mehr zu einer Einkaufsstätte geworden, nachdem ich über Interna bei C&A etwas mehr weiß. Ein Buch für alle C&A Fans und für die, welche wissen wollen, wie man es schafft über 350 Jahre ein Unternehmen in den Händen einer Familie zu halten. Bravo!» Und schließlich ein großes Lob für Horst Hollensteiners Ratgeber «Deutsche Dogge. Auswahl, Haltung, Erziehung, Beschäftigung»: «Ich habe das Buch sehr genossen und werde mir selbst eine Dogge kaufen. Ich kann dieses Buch jedem uneingeschränkt empfehlen.»
Das Geld zum Doggenkauf könnte sich Wiedau mittlerweile erspart haben, schließlich muss er für die Bücher, die er bespricht, nichts bezahlen. Bei diesem Thema schlüpft der hauptberufliche Exportleiter in seine überzeugendste Rolle: «Der Vertrag zwischen mir und dem Verlag», erläutert er geschäftsmännisch, «ist geschlossen mit der Überlassung des Buches. Ich lese das Buch und rezensiere es. Die Rezension ist nur noch Nebenzweck. Für mich ist der Hauptzweck das Lesen des Buches.» Dass beinahe alle Verlage ihm die erbetenen Rezensionsexemplare schicken, mag mit den absehbar freundlichen Urteilen zusammenhängen, aber auch damit, dass er jedes bestellte Buch auch bespricht. «Bei mir», behauptet er, «ist die Quote eins zu eins.»
Eines hat Thorsten Wiedau in all den Jahren gelernt: «Die Luft wird immer dünner, je höher man kommt. Als Kritiker hat man keine Freunde – als Kritiker ist man immer allein.» Wiedau – der Großkritiker? Er bleibt bescheiden. Und ruft zum Abschied hinterher: «Nun schreiben Sie aber nicht, dass ich der Reich- Ranicki des Internets bin.»




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